Autorenlesung

Autorin am AWG berichtet von traumatischer Kindheit

 

Warendorf AWG. Die Autorin Regina Page berichtete am AWG von den Lebensbedingungen an Kinderheimen in den 50er- 80er Jahren. Deutsche Erziehungsheime in der Nachkriegszeit: Ehemalige Heimkinder erzählen ihre Geschichte von seelischen Verletzungen, Zwangsarbeit, Einsperrungen, Schlägen und Strafpraxis in der Führsorgeerziehung. Und das Leben danach.

Regina hatte sehr jung geheiratet, hatte einen Job und war bereits mit 16 schwanger. Eigentlich war alles in bester Ordnung bei ihr, bis sie plötzlich gezwungen worden war mit Ihrer neugeborenen Tochter in ein Kinderheim zu ziehen: “Ich hatte keine andere Wahl“ so Regina. “Ich wurde dort festgehalten und durfte noch nicht einmal meine eigene Tochter sehen“. Doch Regina wusste, wie sie sich zu verhalten hatte: “Ich bin davor schon einmal in einem katholischem Waisenhaus gewesen und wusste daher, wie es dort zugeht“ antwortete sie mit einer zittrigen Stimme. In dem katholischen Waisenhaus war sie zuvor zusammen mit ihrer Schwester gewesen. Dort herrschten brutale, grausame, ja sogar menschenunwürdige Zustände. Es gab damals Mehrbettzimmer und, abgesehen von den Kleidern, am Leib hatten die Kinder nichts, das sie Besitz nennen konnten. Die Kinder durften weder lachen noch weinen noch sonst was. Was auf den Tisch kam, musste gegessen werden und wer erbrechen musste, musste das Erbrochene essen. Sie wurden gezwungen körperlich anstrengende Arbeit zu verrichten und wurden mit Kleiderbügeln, Gürteln oder anderen Dingen geschlagen, wenn sie nicht gehorchten. Dank diesem empirischem Wissen, wusste sie als Jugendliche, wie sie sich zu verhalten hatte, und wusste, dass sie ja den Mund nicht aufmachen durfte. Sie wurde von den Pfarrern oft Verbal misshandelt, sodass ihr oft die Tränen kamen.

Regina Page hatte diese Vorkommnisse bis vor kurzem verschwiegen. Man könnte meinen, dass diese Dinge bloß ihre Kindheit und Jugend zerstört haben. Doch es kommt noch schlimmer: “Meine Vergangenheit verfolgt mich bis heute noch“ versicherte Regina. “Ich konnte meiner Tochter gerade in den ersten Jahren keine Liebe und Zuneigung schenken können. Daher habe ich auch heute kein besonders gutes Verhältnis zu ihr“. Nun trifft Regina immer neue Menschen in ihrem Alter, denen dasselbe wiederfahren ist, und welche nun auch endlich bereit sind über ihre Vergangenheit zu sprechen. Das einzige was sich Regina jetzt noch wünscht, ist wenigstens eine Entschuldigung von den Nonnen und Pfarrern von damals. Aufgrund dessen hat sie diese vor kurzem aufgesucht. Doch das Gespräch war nicht befriedigend: Die Nonnen behaupten vehement, Dinge dieser Art nie getan zu haben und wollen sich nicht entschuldigen.

Von Thomas Kremer

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