Kloster Gerleve

Wesentlich leben – ein Besuch im Kloster Gerleve

Der Grundkurs Religion der Jahrgangsstufe 12 am AWG im Gespräch mit Pater Norbert

Am letzten Schultag vor den Osterferien hat sich der 12er-Religionskurs des Augustin-Wibbelt-Gymnasiums auf den Weg zum Kloster Gerleve gemacht. Im Religionsunterricht ging es um alternative Lebensformen und als eine Schülerin erzählte, dass ihr Onkel Benediktinermönch sei, entstand die Idee, mit ihm ins Gespräch zu kommen. Pater Norbert, Benediktinermönch im Kloster Gerleve, lud den ganzen Kurs kurzerhand nach Gerleve ein, um vor Ort von seinem Leben zu erzählen. Der Tag begann mit dem Hochamt um 9 Uhr in der Klosterkirche, für die Schülerinnen und Schüler ein ungewohnter Gottesdienst mit ausschließlich lateinischen Gesängen. Danach begrüßte Pater Norbert die Gruppe, erzählte vom Ordensgründer Benedikt von Nursia und führte sie durch eine kleine Ausstellung über die Geschichte des Klosters Gerleve. Richtig interessant aber wurde es, als die Schülerinnen und Schüler sich mit Pater Norbert in der Jugendbildungsstätte zusammensetzten und alles fragen durften, was sie von ihm, einem Mönch, wissen wollten. Und sie nahmen kein Blatt vor den Mund. Sie interessierten sich zunächst für die Finanzen des Klosters und für die finanzielle Situation eines Benediktinermönches und bekamen klare Auskünfte: ein Mönch hat kein eigenes Geld, im Kloster gehört alles allen. Wenn ein Mönch etwas braucht, so wendet er sich an den Abt bzw. den für die Finanzen zuständigen Ordensbruder und der entscheidet, ob die gewünschten Ausgaben wirklich nötig sind. Pater Norbert betonte, dass sein Leben sehr einfach sei: so habe er noch nie eine Steuererklärung machen müssen. Falls aber demnächst nur noch per Karte bezahlt werden könne, werde es hier ein Problem geben, denn Mönche haben eben keine Kreditkarten.  Wie er denn überhaupt dazu gekommen sei, ins Kloster zu gehen, war die nächste Frage. Pater Norbert erklärte, dass er als Jugendlicher bereits Kontakt mit dem Kloster Gerleve  gehabt habe, sich nach dem Abitur als Gast dort angemeldet, mit dem Abt gesprochen und dann recht schnell – noch vor dem Studium – entschieden habe, in der Gemeinschaft eines  Kloster zu leben. Heute sei das so nicht mehr möglich, heute müssten junge Leute erst mal selbständig sein und ein paar Lebenserfahrungen gesammelt haben, bevor sie im Kloster akzeptiert würden. Am Benediktinerorden habe ihm die stabilitas loci (Ortsgebundenheit) und die Gemeinschaft in den Gebetszeiten und in den Gottesdiensten besonders gefallen, deshalb sehe er sein Leben in Gerleve und nirgendwo sonst. Auch wenn die Gemeinschaft für ihre Mitglieder sorge, betonte Pater Norbert, so könne man das klösterliche Leben nur führen, wenn man es mit sich allein aushalten könne, wenn man in der Einsamkeit zurecht käme. Dann allerdings sei das Leben reich, intensiv und wesentlich. Natürlich wurde er auch nach dem Zölibat gefragt und auch hier war Pater Norbert sehr offen: Sicher habe er sich immer mal wieder in eine Frau verliebt, das sei ja auch völlig in Ordnung und er laufe ja nicht mit Scheuklappen durch die Welt. Die Frage sei, wie man dann mit dieser Liebe umgehe. Die Entscheidung laute: will ich wirklich als Mönch leben – wenn ich das will, kann ich nicht gleichzeitig eine Familie gründen. Natürlich sei das manchmal sehr, sehr schwer; aber der Gedanke, eine Partnerschaft zu beginnen, für die er sein ganzes bisheriges Leben aufgeben müsste um einer Frau nahe zu sein, die ihrerseits mit diesem Druck umgehen müsste, sei mindestens so beunruhigend. Er wies außerdem darauf hin, dass man das, was man nicht habe, auch nicht glorifizieren solle.

 Auf den Missbrauchsskandal in der Kirche angesprochen, forderte er glasklare Offenheit und Ehrlichkeit; das Schlimmste sei, Dinge zu vertuschen; das Bewusstsein der Menschen müsse sich ändern. Überhaupt, wenn die Kirche Zukunft haben wolle, müsse sich viel verändern, z.B. auch die Selbstdarstellung der Kirche. Der neue Papst Franziskus sei hier auf einem guten Weg und hoffentlich richtungsweisend, wenn er als Oberhaupt der Kirche schlicht und einfach bleiben und den christlichen Glauben bewusster leben wolle. Auch wenn die Kirche in Deutschland mittlerweile eher eine Randerscheinung sei, so wäre der Verlust des Glaubens doch eine große Verarmung der Gesellschaft. Und das nicht nur, weil die Kirche Krankenhäuser, Kindergärten etc. unterhält, sondern weil die Botschaft Jesu Christi in ihrem Kern die Unterstützung des Menschen sei. Auf Pille und Abtreibung angesprochen, unterschied Pater Norbert zwischen dem objektiven moralischen Grundsatz, das Leben schützen zu wollen und der subjektiven, Seelsorge erfordernden Situation eines einzelnen Menschen und machte den Schülerinnen und Schülern so deutlich, wie sehr ein Christ auf seinen konkreten Mitmenschen zu schauen habe, statt pauschalisierend vermeintlichen Gesetzen zu folgen. Der Vormittag verging wie im Fluge und als die Schülerinnen und Schüler sich wieder auf den Weg nach Warendorf machten, waren sie voller Eindrücke und der festen Überzeugung, dass sie im Religionsunterricht selten so viel gelernt und erfahren hätten wie an diesem Morgen im Kloster Gerleve im Gespräch mit dem Benediktinermönch Norbert.

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