Hospizbegleitung

Sterben als Zeit des Lebens begreifen –
Projektkurse „Soziales Lernen“ des AWG laden Hospizbegleiterinnen ein. 
„Kann man selbst noch ein glückliches Leben führen, wenn man dem Tod ständig so nahe ist? Kann man seine Kinder noch unbeschwert erziehen, wenn man oftmals mit einem Sterbenden  die letzten Minuten seines Lebens verbringt?  – diesen und vielen weiteren Fragen stellten sich die beiden Hospizbegleiterinnen Bernadette Rautland und Kerstin Thormann vom Hospizkreis Ostbevern im Rahmen eines Expertengesprächs mit Schüler/innen der IMG_6585Projektkurse „Soziales Lernen“ von Frau Knippenberg und Frau Herich am AWG. Für die Schüler/innen, die im Rahmen dieses Projektkurses ein Praktikum in einer sozialen Einrichtung ableisten und sich also bewusst dafür entschieden haben, sich mit Menschen, die auf Hilfe angewiesen sind, zu beschäftigen, oder Menschen kennenzulernen, die sich für andere engagieren, stellt die Arbeit der Sterbebegleiterinnen eine besondere und besonders schwere Herausforderung dar. Dass man sich in einer ehrenamtlichen Tätigkeit so nah an die Grenze des Lebens stellt, erschien vielen Schüler/innen beeindruckend, aber auch ein wenig unverständlich. Und so bezogen sich auch die meisten Fragen auf die persönliche Ebene, die Frage nach den konkreten Erfahrungen der beiden Frauen, nach ihren Grenzen, ihrer Motivation und ihren Kräften. Die Antworten fielen dabei zum Teil überraschend aus: Frau Rautland und Frau Thormann betonten, dass ihre Arbeit eben nicht zu einer besonderen Schwere führe, sondern gerade eben zur Bewusstwerdung des Lebens, das man nun intensiver lebe. „Wer sieht, wie schnell das Leben enden kann, lernt dem Jetzt mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Und man lernt auch, nichts zu verschieben!“, so Frau Thormann.
Frau Rautland unterstrich diese Aussage mit einem Bild, das ihr Verständnis von der Arbeit eines Sterbebegleiters verdeutlicht: „Wenn ein Sterbender durch die Diagnose in einem dunklen Loch sitzt, dann ist es die Aufgabe der Sterbebegleiterin ihn aus diesem Loch wieder nach oben zu holen, aber sich nicht selbst hinunterziehen zu lassen.“ Es gehe darum, dem Sterbenden Zeit zu schenken, Gespräche zu ermöglichen, gemeinsames Schweigen auszuhalten und manchmal Wünsche zu erfüllen. Das kann dann auch eine Schwarzwälderkirschtorte sein, die der Sterbende noch einmal essen möchte, auch wenn er weiß, dass er sie nicht verträgt.
Natürlich sei es notwendig, sich über eigene Grenzen bewusst zu sein sowie den eigenen Bedürfnissen und Strategien, um neue Kraft zu tanken. Das könne eine lange Nacht in der Disco sein, ein Spaziergang im Wald oder das Gespräch mit einer guten Freundin bei einem Glas Wein.
Weitere Fragen von den Schüler/innen bezogen sich auf die Beziehung zwischen dem Ster-benden und dem Begleiter, auf die Geschichte des Hospizwesens und sogar auf die persönliche Haltung der beiden Frauen zur Sterbehilfe. Dass dies natürlich keine leichte Frage sei, betonte Frau Thormann. Allerdings machten sich beide Begleiterinnen stark für eine umfassende Hospiz- und Palliativversorgung, mit der Schmerzen und Ängste der Sterbenden genommen werden könnten und somit möglicherweise Sterbehilfe nicht unmittelbares Thema sei.
IIMG_6584n diesem ca. 90 minütigen Gespräch haben die Schüler/innen zwei positive Hospizbegleiterinnen kennengelernt, die überzeugend Werbung für ihre Arbeit als Sterbebegleiterinnen und das Leben auch im Grenzbereich gemacht haben.
Wenn am heutigen Donnerstag der Bundestag über den Gesetzentwurf zur Hospiz- und Palliativversorgung für eine bessere Betreuung von schwerkranken und alten Menschen abstimmt, dann stellt sich die Notwendigkeit für ein solches Gesetz nach dem Besuch der beiden Hospizbegleiterinnen bei den Schüler/innen unmittelbar ein. Die eigentliche Aufwertung der Hospizarbeit erfolgt jedoch durch die Überzeugungskraft solcher Menschen, wie sie die Schüler/innen im Gespräch kennengelernt haben.

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