Klasse 9 in der Synagoge

 Die Klasse 9 des AWG in der Synagoge in Münster

In diesen Tagen feiern Juden weltweit das Lichterfest Chanukka und zünden Chanukka-Leuchter an zur Erinnerung an die Rückeroberung des Tempels in Jerusalem.

Doch an dem bitterkalten Morgen, an dem sich die Schülerinnen und Schüler der 9. Klasse des Augustin-Wibbelt-Gymnasiums auf den Weg nach Münster machten, um die dortige jüdische Gemeinde zu besuchen, beherrschte die Titelseite vieler Zeitungen eine ganz andere Schlagzeile: „Der neue Antisemitismus – alter Hass, neu belebt“. IMG_8515 (2)

Die Klasse wurde von Frau Voloj, die einige Schüler noch als Lehrerin aus ihrer Zeit an der Grundschule in Freckenhorst kannten, herzlich in der Synagoge begrüßt.

IMG_8518 (2)Bereits im Eingangsbereich befinden sich – in großen Buchstaben an die Wand gezeichnet – die wichtigsten jüdischen Gebete und Frau Voloj betonte, dass es ein moslemischer Künstler war, der die Schriftzeichen hier kunstvoll gestaltet habe. Frau Voloj konnte viel aus ihrer eigenen Familiengeschichte erzählen, so z.B. dass ihre Familie zur Zeit des Nationalsozialismus nach Südamerika fliehen musste und dass etliche Mitglieder ihrer Familie, die nicht geflohen waren, im KZ umgekommen sind.

Aus einer Gruppe von ehemals knapp 70 Juden hat sich mittlerweile wieder eine große Gemeinde von 700 Mitgliedern in Münster entwickelt. Deshalb hat die jüdische Gemeinde einen großen neuen Versammlungssaal angebaut. Auf die Fenster zur Promenade sei sogar schon mal geschossen worden – sowieso ist die Polizei rund um die Uhr an der Synagoge präsent, denn es gebe immer wieder Drohungen.

IMG_8522 (3)Im Betsaal der Synagoge zeigte Frau Voloj ihren jungen Besuchern die rituellen Dinge, die wichtig sind, wenn Juden Gottesdienst feiern wollen, z.B. den Tallit, den Gebetsmantel, und die Tefillin, die Gebetsriemen. Sie greifen die Zahl 613 auf, die Anzahl der Gebote, die ein frommer Jude halten soll. Das Tragen einer Kopfbedeckung bringt die Ehrfurcht vor Gott zum Ausdruck und deshalb wurde allen Jungen der Klasse am Eingang eine Kippa zur Verfügung gestellt, die beim Besuch einer Synagoge getragen werden muss.

Dass ein jüdischer Gottesdienst nach alter Tradition nur stattfinden kann, wenn zehn männliche Personen über dreizehn Jahren anwesend sind, oder dass die Frauen während des Gottesdienstes auf einer Empore Platz nehmen, oder auch dass man zwar normalerweise nur dann Jude ist, wenn die Mutter Jüdin ist, dass es aber mit viel Einsatz doch möglich ist, sich auch später noch zum Judentum zu bekennen, waren weitere interessante Informationen.

IMG_8528 (2)Der größte Schatz und somit das Herzstück der Synagoge sind die kostbaren Schriftrollen, geschmückt mit einem wertvollen Mantel. Frau Voloj erklärte, dass auch heute noch die Thorarollen von Schreibern per Hand geschrieben werden – eine mühsame aber ehrenvolle Aufgabe. Die Schüler konnten Teile einer besonders alten Thorarolle sehen und sogar in die Hand nehmen; sie war auf Antilopen-Haut geschrieben worden. Auch eine Thorarolle der Familie Spiegel aus Warendorf wird in der Münsteraner Synagoge aufbewahrt.

Die Juden berühren das Wort Gottes aus Ehrfurcht nur mit einem kleinen Thorazeiger, dem Jad, auch dieses Utensil konnten die Schüler ansehen. Bei ihrer Bar-Mitzwa, am Tag der Übernahme der Pflicht, müssen Jungen im Alter von dreizehn Jahren einen oft recht langen hebräischen Abschnitt aus der Thora vor der versammelten Gemeinde vorlesen; erst dann gehören sie als vollwertige Mitglieder zur Gemeinde.

IMG_8536 (2)Der siebenarmige Leuchter, die Menora, der sich sowohl in der Synagoge als auch als Abbildung an den beiden Außenmauern der Synagoge befindet, weist auf die Schöpfungsgeschichte im Buch Genesis hin: Gott hat die Welt in sieben Tagen erschaffen. Die Juden vertrauen ihrem Gott und seinen Geboten, sie sind sich sicher: Gott meint es gut mit ihnen – Grund genug, die Gebote zu halten und es auch gut mit anderen Menschen zu meinen. Das wichtigste sei das Wohlergehen der Mitmenschen betonte Frau Voloj zum Schluss und entließ die Klasse nach fast zweistündiger Führung auf den Weihnachtsmarkt.

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