Wo Kriegserfahrung Alltag ist

Frühjahr 2007

Im ersten Augenblick nimmt niemand Notiz von mir, als ich das Internat unweit unserer Partnergemeinde St. Mauritz bei Gulu besuche. Auf der Wiese nebenan findet gerade ein Fußballspiel statt. Es wird lauthals angefeuert, geklatscht und geschrieen…

Aus einem Klassenzimmer dringen afrikanische Klänge und Rhythmen, Trommeln, Gesang und traditionelle Instrumente. Der Chor übt… Draußen laufen Jungen und Mädchen jeden Alters kichernd umher, spielen Fangen oder Ball, singen und lachen…

Auf den ersten Blick eine ganz normale Schule, mit ganz normalen Kindern.

Aber diese Kinder verbindet ein trauriges Schicksal. Die Laroo-Schule ist eine Schule für „kriegsbetroffene Kinder“. Kriegswaisen, ehemalige Kindersoldaten und „Kinder-Mütter“…   Ein befreundeter Lehrer deutet auf einen vielleicht fünf-jährigen Jungen, der Sand von einer Kassava-Wurzel schabt. „Seine Mutter wurde von den Rebellen entführt, als sie 14 war. Sie hat den Jungen im Busch geboren. Sein Vater ist einer von ihnen“.   Die Mutter konnte mit dem Jungen fliehen und geht nun hier zu Schule. Die meisten älteren Jungen – die die gerade das Fußballmatch bestreiten – sind ehemalige Kindersoldaten. Ich frage nach der Geschichte eines Jungen, der etwas teilnahmslos am Spielfeldrand sitzt und auf einem Grashalm herumkaut. „Er redet kaum über seine Vergangenheit. Wir wissen, dass er in der Nacht seiner Entführung seine Eltern und seine Geschwister verloren hat. Im Busch musste er töten.“   Viele der Kinder mussten bei ihrer Entführung mit ansehen, wie die eigenen Eltern geschlagen, verstümmelt oder umgebracht wurden. Nach ihrer Entführung verbringen viele von ihnen Jahre im Busch. Die Jahre ihrer Kindheit. „Am Tag können wir ihnen helfen zu vergessen. Aber in der Nacht haben sie Alpträume und Angstanfälle“, sagt der Lehrer.   Ich bin berührt von den Geschichten. Für mich haben die Zahlen und Fakten aus der Zeitung nun Gesichter, sie haben Namen: Bob, Atim, Denis und viele andere…   Bereits zuvor habe ich in einer Einrichtung speziell für kriegsbetroffene Mädchen, die so genannten „child-mothers“ kennen gelernt. Kinder und junge Frauen, die als Sexsklavinnen missbraucht wurden und schwanger oder als junge Mütter – häufig HIV infiziert – aus dem Busch zurückkehren. Ihre Geschichten handeln von Vergewaltigung, Brutalität und Sklaverei. In Einrichtungen wie St. Monica in Gulu kommen sie mit ihrem Nachwuchs unter. Sie erhalten eine Ausbildung, werden medizinisch betreut und lernen, ihre Kinder zu versorgen. Ein ungefähr 16-jähriges Mädchen stillt ein Neugeborenes, während sie mir von ihrer Flucht erzählt. Ihr „Mann“ – so nennt sie ihren Peiniger – habe sie fortgejagt, als er ihre Schwangerschaft bemerkte. „Ich hatte Glück“, sagt sie.   Das sagt auch Father Peter. Der lebensfrohe, couragierte Priester überlebte vier Rebellenangriffe und eine Entführung. „Beim nächsten Mal erwischt es mich vielleicht“ scherzt er im Gespräch mit mir. Lebhaft gestikulierend berichtet er von der Nacht des letzten Übergriffs. Das lenkt meinen Blick auf seine Hände. In jener Nacht traf eine Kugel die rechte Hand; sie ist deformiert und krallenartig versteift. An der linken Hand zähle ich nur vier Finger.   Die Kriegserfahrung ist im Norden von Uganda Alltagserfahrung. Zwanzig Jahre Terror und Gewalt haben das Leben jedes Einzelnen verändert. Viele Menschen sind traumatisiert. Sie haben ihr Zuhause verloren, ihre Felder und damit ihre Lebensgrundlage. Sie haben Angehörige und Kinder zu beklagen, Freunde und Nachbarn. Landminen oder Gewehrkugeln haben ihre Körper gezeichnet. Die Narben und Wunden ihrer Seele sind unsichtbar.

Print Friendly